Foto: J.H. Darchinger/FES

Die Stiftung im Jahr 2025

Die Stiftung

Wir laden Sie herzlich ein, das vergangene Jahr mit uns Revue passieren zu lassen. Den vollständigen Jahresbericht 2025 finden Sie am Ende des Beitrags als barrierefreies PDF zum Download.

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„Die Menschen werden bereit sein, Härten zu ertragen, wenn die politisch Verantwortlichen den Mut finden, sie mit der wirklichen Lage und den eigentlichen Problemen zu konfrontieren.“
Willy Brandt, 1975

Angesichts vielfältiger Gefahren, Krisen und Konflikte hat Willy Brandt im Laufe seines Lebens immer wieder außergewöhnlichen politischen Mut bewiesen – im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, als Regierender Bürgermeister West-Berlins im Kalten Krieg sowie als Außenminister und Bundeskanzler mit seiner Neuen Ostpolitik.

Zugleich verstand er es, anderen Mut zu machen: den Berlinerinnen und Berlinern nach dem Mauerbau 1961, der jungen Protestgeneration der „Achtundsechziger“ in der Bundesrepublik, den Bürgerinnen und Bürgern der DDR bei seinem Besuch in Erfurt 1970 oder auch den Gesellschaften Spaniens und Portugals vor 50 Jahren an der Schwelle von der Diktatur zur Demokratie. Politischen Mut bewies Willy Brandt jedoch auch, indem er vielen Menschen Zumutungen abverlangte: jenen Deutschen etwa, die nach 1945 nur wenig über Widerstand, Verfolgung und die Massenverbrechen des NS-Regimes wissen wollten, ebenso wie den Millionen von Vertriebenen, die den endgültigen Verlust ihrer Heimat durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze nicht akzeptieren konnten oder wollten. Mit seinem berühmten Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ appellierte der frisch gewählte Bundeskanzler 1969 an den Mut der eigenen Regierung wie auch an den der Gesellschaft insgesamt, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen und die noch junge Demokratie im Sinne von mehr Teilhabe und Gleichberechtigung zu stärken.

Im Zeichen zahlreicher Krisen und kriegerischer Konflikte sind die Diskurse unserer Gegenwart stark von Begriffen wie Angst, Furcht und Überforderung geprägt. Unter dem »Jahresmotto „Mut“ versuchte die Stiftung, einen positiven und ermutigenden Gegenentwurf zu den vorherrschenden Angstdiskursen zu entwickeln. Eine zentrale Leitfrage lautete dabei, woraus Menschen Mut schöpfen und wie sie diesen im Sinne einer lebendigen und wehrhaften Demokratie sowie einer pluralen und freien Gesellschaft in aktives Handeln übersetzen können.

Willy Brandts Biografie bot hierfür ebenso zahlreiche Anknüpfungspunkte wie mehrere bedeutende historische Jahrestage im Jahr 2025 – darunter der 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, der 50. Jahrestag der KSZE-Schlussakte von Helsinki sowie der 30. Jahrestag der Abschaffung innereuropäischer Grenzkontrollen im Zuge des Schengener Abkommens. Das Jahresprogramm wurde dabei digital mit dem Hashtag #WillyMachtMut begleitet. In zahlreichen Beiträgen wurden Brandts politisches Wirken und seine handlungsleitenden Prinzipien für die Gegenwart sichtbar gemacht: für Demokratie einzustehen, mutig zu handeln und Zukunft nachhaltig zu gestalten.

Willy-Brandt-Wanderausstellung in Wien

Im Jubiläumsprogramm zur Kanzlerschaft Willy Brandts vor 50 Jahren (2019–2024) hatte die große Willy-Brandt-Wanderausstellung ein Kernangebot gebildet und war durch 19 deutsche Städte getourt. Im Berichtsjahr erlebte sie einen letzten Höhepunkt: Unter der Schirmherrschaft des früheren österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer, der Willy Brandt im Rahmen der Arbeit in der Sozialistischen Internationale noch persönlich kennen gelernt hatte, wurde die »Ausstellung in der Kulturgarage der Wiener Volkshochschulen in der Wiener Seestadt präsentiert.

Am Eröffnungstag lud der frisch wiedergewählte Wiener Bürgermeister Michael Ludwig zu einem öffentlichen Gespräch ins Rathaus ein. Das politische Wirken des bedeutenden Sozialdemokraten und Internationalisten, so Ludwig, sei untrennbar verbunden mit dem Ringen um Demokratie, dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit und nicht zuletzt mit Österreich. Willy Brandt und der frühere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky (1911–1990) kannten sich bereits aus der gemeinsamen Exilzeit in Stockholm. „Vieles von dem, was Brandt und Kreisky geleistet haben, ist bis heute aktuell“, so Ludwig. Es gehe daher „nicht nur um die Würdigung ihres Erbes, sondern auch darum, wie wir heute weiter handeln und unsere Zukunft gestalten.“ Wolfgang Thierse knüpfte daran an: Ziel der Wanderausstellung sei es, anhand der Biografie Willy Brandts Demokratie zu vermitteln: „Damit tun wir etwas, von dem wir überzeugt sind, dass es von großer Bedeutung ist. Denn wir erleben gerade, dass unsere Art zu leben und unser demokratischer, sozialer Rechtsstaat bedroht sind – und inzwischen eher eine Ausnahme darstellt“, so der Kuratoriumsvorsitzende.

Schirmherr Heinz Fischer erinnerte ebenfalls daran, dass Willy Brandt und Bruno Kreisky über Jahrzehnte in einem kontinuierlichen politischen Dialog standen. Er würdigte Brandt nicht nur für seinen Weitblick und seinen Einsatz für Demokratie, sondern auch für seine verbindliche und rücksichtsvolle Art. Selbst bei Meinungsverschiedenheiten sei der Austausch mit ihm stets konstruktiv gewesen. Begleitet wurde die Ausstellung in Wien durch ein wissenschaftliches Vortragsprogramm mit Beiträgen von Kristina Meyer und Frank Wolff. Der Vorstandsvorsitzende Ulrich Schöler, der ebenfalls nach Wien gereist war, vertiefte in Gesprächen die Beziehungen der Stiftung zum Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog und zum Karl-Renner-Institut.

Video Willy-Brandt-Gespräch 2025

Demokratiebildung, deutsch-israelische Beziehungen, Europa

„Demokratie ist unser Auftrag!“ – so lautet die Kernaussage des neuen Stiftungsleitbildes, das unser Kuratorium 2024 verabschiedet hat. Das »Willy-Brandt-Gespräch, das 2025 zum zweiten Mal in der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin zu Gast war, stand folgerichtig unter dem Titel „Mehr Mut zur Demokratiebildung? Politische Bildung in Zeiten autoritärer Verheißungen“. Der Vorstandsvorsitzende konnte Bundesbildungsministerin Karin Prien, die Geschichtsdidaktikerin Lale Yildirim, die brandenburgische Landesschülersprecherin Tilda Skerra sowie den Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Axel Drecoll begrüßen. Das gewohnt souverän von Harald Asel (rbb24 Inforadio) moderierte Gespräch spannte einen weiten Bogen: von der Bedeutung ländlicher Infrastruktur für demokratische Teilhabe über den Umgang mit autoritären Verlockungen bis hin zur Frage, wie Demokratie als persönliche Haltung vermittelt werden kann. Bundesministerin Karin Prien unterstrich ihre Unterstützung für die Demokratiebildung, verwies jedoch zugleich auf den Bedarf an stärkeren gemeinsamen Anstrengungen für ein positives gesellschaftliches Narrativ, um demokratische Bildung besser gegen autoritäre Erzählungen von vermeintlich einfachen Lösungen zu wappnen. In der Podiumsdiskussion wurden insbesondere der Schutz einer verbindenden, menschenwürdigen Sprache, die Regulierung sozialer Medien sowie strukturelle Hemmnisse im Bildungssystem hervorgehoben. Insgesamt wurde deutlich: Demokratiebildung vermittelt nicht nur Wissen, sondern vor allem eine Haltung, die vorgelebt werden muss. Politische Bildung kann sich daher keine Neutralität gegenüber Demokratie, Menschenwürde und einer offenen Gesellschaft leisten.

Auch die drei weiteren großen Formate der Stiftung waren mit anspruchsvollen Themen sowie hochkarätigen Rednerinnen und Rednern besetzt. Unter dem Titel „Was heißt hier Staatsräson?“ widmete sich die »Willy Brandt Lecture einem Begriff, der seit der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset im Jahr 2008 immer wieder kontrovers diskutiert wird. Am 7. Oktober, dem zweiten Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel und des Beginns des Gaza-Krieges, sprach der Journalist und Autor Ronen Steinke in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über Geschichte und Gegenwart der bundesdeutschen Israel- und Nahostpolitik. In seinem Vortrag mit dem Titel „Staatsräson – Verpflichtung, Mythos oder moralischer Kompass?“ widersprach der Jurist der verbreiteten These, Deutschlands Nahostpolitik sei bis heute primär von vergangenheitsbezogenen Erwägungen bestimmt oder gar gehemmt. Dies sei ein Mythos. Im anschließenden Bühnengespräch mit der ZEIT-Journalistin Mariam Lau wurden diese Thesen vertieft und neue Denkanstöße für den gesellschaftlichen Diskurs über das Verhältnis Deutschlands zu Israel sowie über Perspektiven für Frieden im Nahen Osten gegeben.

Die »Willy-Brandt-Rede Lübeck hielt Eva Illouz, eine der international renommiertesten intellektuellen Stimmen Israels. Seit dem Angriff der Hamas hat sich die Soziologin und Autorin in zahlreichen Beiträgen zur Situation in Israel und Palästina geäußert und dabei die Politik der Regierung Netanjahu scharf kritisiert. Zugleich verteidigt sie das Existenzrecht Israels und prangert den weltweiten Anstieg antisemitischer Gewalt an. In ihrer Rede widmete sich Eva Illouz dem Thema Schuld. Ausgehend von Willy Brandts Kniefall, den sie als „singulären Akt performativer Schuldanerkennung“ interpretierte, analysierte sie die historischen Voraussetzungen dieser Geste und zeichnete den tiefgreifenden Wandel von Schuld- und Opferdiskursen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs nach. Die 18. Willy-Brandt-Rede Lübeck fand traditionsgemäß in Kooperation mit der Hansestadt Lübeck und zum zweiten Mal im Johanneum, der ehemaligen Schule Willy Brandts, statt.

Video Willy-Brandt-Vortrag Bonn 2025

Als letzter Programmhöhepunkt wurde im Dezember der »Willy-Brandt-Vortrag Bonn gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Universität Bonn ausgerichtet. Es sprach der ehemalige französische Premier- und Außenminister Jean-Marc Ayrault zum Thema „Mut: Für einen eigenständigen Weg Europas“. Er eröffnete seinen Vortrag mit einer scharfen Analyse des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und bezeichnete Präsident Putin als Aggressor, der längst auch einen hybriden Krieg gegen die freiheitlichen Demokratien führe. Zugleich kritisierte Ayrault die USA unter Präsident Trump und sprach von einem massiven Vertrauensbruch gegenüber Europa und insbesondere gegenüber der Ukraine. Der Multilateralismus sei weltweit in der Defensive, imperiale Machtpolitik dagegen auf dem Vormarsch. Europa müsse diesen Entwicklungen mutig und entschlossen entgegentreten und sich stärker auf die eigenen Kräfte stützen. Es gelte, sich geopolitisch als eigenständiger Akteur zu positionieren, wobei Deutschland und Frankreich eine besondere Verantwortung trügen. Dies betreffe nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern auch Herausforderungen wie den Klimawandel, die künstliche Intelligenz oder die Beziehungen zum Globalen Süden. „Schaffen wir aus dieser Zeitenwende eine neue Ära voller Hoffnung!“, schloss Ayrault. In der anschließenden Diskussion mit dem Mitglied des EU-Parlaments Tobias Cremer (SPD) wurde dieser Appell bekräftigt. Beide Diskutanten waren sich einig, dass Europa geschlossen handeln und für eine multilaterale Weltordnung eintreten müsse. Willy Brandts Politik der kleinen Schritte könne dabei Mut und Orientierung geben. Jean-Marc Ayrault bilanzierte: „Willy Brandt ist kein Mann der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und der Zukunft.“

50 Jahre KSZE

Die erfolgreiche Neue Ostpolitik Willy Brandts ebnete vor 50 Jahren den Weg zu einer europäischen Friedensordnung. Die KSZE-Verhandlungen begannen 1973 noch unter seiner Kanzlerschaft. Am 1. August 1975 unterzeichneten 35 Staaten – darunter die USA und Kanada – die Schlussakte von Helsinki. Sie bekannten sich zum Gewaltverzicht, zur Unverletzlichkeit der Grenzen, zur Kooperation sowie zur Achtung der Menschenrechte als Grundlage gemeinsamer Sicherheit. Der anschließende KSZE-Prozess und die Arbeit oppositioneller Helsinki-Gruppen trugen maßgeblich zur Stärkung der Menschenrechte in Osteuropa bei. Nach dem Ende des Kalten Krieges entstand daraus die OSZE. Anlässlich des Jahrestages lud die Stiftung unter dem Titel »„50 Jahre KSZE-Schlussakte – Was bleibt vom Geist von Helsinki?“ zu einer prominent besetzten Podiumsdiskussion in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund ein. Diskutiert wurden die historische Bedeutung des KSZE-Prozesses, seine Folgen und seine heutige Relevanz. Auf dem Podium saßen die polnische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Alboth, die Mitgründerin der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Organisation Memorial Irina Scherbakowa sowie Wolfgang Thierse. Moderiert von Frank Wolff spannte die Diskussion einen Bogen von historischen Erfahrungen bis zu aktuellen Herausforderungen. Einigkeit bestand darin, dass Menschenrechte keine Bürde, sondern eine unverzichtbare Grundlage aller demokratischen Stabilität sind. Zwar lasse sich aus der KSZE keine direkte Lösung für den Krieg gegen die Ukraine ableiten, doch biete der Prozess wichtige Ansatzpunkte für eine künftige europäische Friedensordnung nach einem Kriegsende.

Podcast der Veranstaltung „50 Jahre KSZE-Schlussakte – Was bleibt vom Geist von Helsinki?“

Ausstellungen und Vermittlungsarbeit

Insgesamt wurden 2025 mehr als 68.000 Besucherinnen und Besucher in den Dauerausstellungen in Berlin, Lübeck und Unkel gezählt. Unsere Häuser verstehen wir als inklusive Lernorte der Demokratiegeschichte, die allen offenstehen. Ziel ist es, möglichst vielen Menschen – insbesondere jüngeren Generationen ohne eigene Erinnerung an Willy Brandt – den Zugang zu historisch-politischer Bildung zu ermöglichen. Das Bildungs- und Veranstaltungsprogramm deckt dabei ein breites Spektrum von historischen Themen bis hin zu aktuellen politischen Fragen ab.

Im »Forum Willy Brandt Berlin konnten vielfältige neue Bildungsformate etabliert werden: Ergänzend zu den Ausstellungs- und Themenführungen durch die Dauerausstellung lädt eine neue Kombiführung mit dem Konrad-Adenauer-Forum dazu ein, beide Häuser im direkten Vergleich kennenzulernen. Für Schulklassen bieten die Ausstellungen viele Anknüpfungspunkte für den Geschichts- und Politikunterricht. Der neu konzipierte Stadtrundgang „Schaut auf diese Stadt … – Das geteilte Berlin und die Neue Ostpolitik“ führt durch das Regierungsviertel und eröffnet einen historischen Blick auf Berlin im Kalten Krieg. Mit dem Workshop „Was war die Ostpolitik? – Was ist die Ostpolitik?“ und der Multimedia Präsentation „Worum geht’s bei Willy Brandt?“ stellt die Stiftung zudem mobile Bildungsformate bereit, die eine ortsunabhängige Arbeit mit Schulklassen und anderen Gruppen ermöglichen.

Als weiteres Veranstaltungsformat wurde der »„Buchsalon“ eingeführt, bei dem die Stiftung zu Debatten über Demokratie und gesellschaftlichen Wandel in ihr Berliner Forum einlädt. Die Veranstaltung bringt renommierte Autorinnen und Autoren in einen Austausch über ihre aktuellen Bücher zu drängenden Fragen unserer Zeit. Bei der Auftaktveranstaltung diskutierten die Kulturwissenschaftlerin Judith Kohlenberger und der Historiker Mohammad A.S. Sarhangi über die Migrationspolitik, die Gegenwart des Rassismus sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen einer politischen Rhetorik der Abschottung. Die historische Forschung und der wissenschaftliche Austausch bilden weitere Schwerpunkte des Berliner Standorts. Eine zentrale Neuerung war das von Frank Wolff angebotene Willy-Brandt-Seminar, das im Sommersemester 2025 in Kooperation mit der Universität Osnabrück durchgeführt wurde. Im Kern stand ein mehrtägiger Workshop, bei dem Studierende im Forum Willy Brandt Berlin praktische Erfahrungen in der Ausstellungskonzeption sammelten. Im Oktober wurde zudem der »Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte verliehen. Auf Empfehlung der Auswahlkommission beschloss das Kuratorium, den Heidelberger Historiker Joey Rauschenberger für seine Dissertation „Wiedergutmachung für Sinti und Roma. Eine Praxisgeschichte der Entschädigung von NS-Unrecht in Baden-Württemberg 1945–1980“ mit dem Preis für das Jahr 2025 auszuzeichnen. Der Kuratoriumsvorsitzende Wolfgang Thierse überreichte Herrn Rauschenberger die Auszeichnung bei einer Preisverleihung am 20. Januar 2026 im Forum Berlin. Die Laudatio hielt der Zeithistoriker Constantin Goschler von der Ruhr-Universität Bochum.

Enthüllung „Patchwork Deutsche Einheit“ bei dem eine Mauerstele umhäkelt wurde. Eine Mitarbeiterin zieht ein Tuch von der Stehle. Um sie herum stehen Schülerinnen und Schülern der Gotthard-Kühl-Schule.
Enthüllung „Patchwork Deutsche Einheit“ mit Schülerinnen und Schülern der Gotthard-Kühl-Schule im Museumsgarten des Willy-Brandt-Hauses

Das »Willy-Brandt-Haus Lübeck rückte auch im Jahr 2025 eine Vielzahl aktueller gesellschaftlicher und politischer Themen in den Fokus seiner Bildungs- und Veranstaltungsformate. Die Spannbreite reichte von der Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Gedenken an den Holocaust über Fragen der Menschenrechte, gesellschaftlicher Solidarität sowie Flucht und Migration bis hin zu Debatten über internationale Entwicklungen und Beziehungen, etwa zu Russland, Afghanistan und Iran.

Zu den Veranstaltungen mit besonders großem Publikumsinteresse gehörte die Filmreihe „Mut – Widerstand – Leben“. Gemeinsam mit dem Kommunalen Kino Lübeck, der Gesellschaft für Geographie und Kulturen der Welt sowie der Initiative „Frau, Leben, Freiheit – Lübeck“ wurden fünf aktuelle und bewegende Spiel- und Dokumentarfilme aus dem Iran präsentiert. Inspiriert vom Jahresmotto entwickelte das Lübecker Team außerdem die „Demokratie-Mutprobe“ – eine mobile Mitmachstation für Straßenfeste und Museumsnächte. Wie bereits die Premiere bei den Fehmarnbeltdays in der Hansestadt zeigte, lädt die Station auf anschauliche Weise dazu ein, mit Freunden ebenso wie mit Fremden über Teilhabe und Mitbestimmung ins Gespräch zu kommen. Ein weiteres viel beachtetes Filmscreening fand anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte statt. Zum deutschen Kinostart wurde der international gefeierte Dokumentar-film „Der Helsinki Effekt“ gezeigt. Die damals diskutierten politischen Ideen und Sicherheitskonzepte standen zudem im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion „Wege aus der Gefahr. Die KSZE im Jahr 1975“ mit dem Historiker-Quartett Susanne Schattenberg, Andreas Etges, Annette Schuhmann und Bernd Greiner.

Aktiv bringt sich das Willy-Brandt-Haus regelmäßig in die Lübecker Stadtgesellschaft ein. Als einer der Erstunterzeichner des »„Lübecker Manifests für Museen“ setzte das Haus gemeinsam mit anderen Museen ein sichtbares Zeichen gegen antidemokratische Tendenzen. Das Manifest unterstreicht den Auftrag und die Verantwortung von Museen als gesellschaftlich relevante Orte eines demokratischen Miteinanders. Ein weiteres außergewöhnliches Projekt war „Patchwork Deutsche Einheit“. Es verband das Häkelhandwerk mit deutsch-deutscher Geschichte und griff Willy Brandts Bild vom Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört, auf eindrucksvolle Weise auf. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte der Gotthard-Kühl-Schule schafften es, das im Innenhof des Hauses ausgestellte Segment der Berliner Mauer vollständig zu umhäkeln. Anlässlich des 35. Jahrestages der Deutschen Einheit wurde das performative Kunstwerk feierlich enthüllt.

Podiumsgespräch 80 Jahre Kriegsende in Unkel
Podiumsdiskussion zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges im Willy-Brandt-Forum Unkel

Im »Willy-Brandt-Forum Unkel, dem jüngsten Standort der Stiftung, lag das Hauptaugenmerk auf der Weiterentwicklung der Vermittlungsangebote sowie auf der Professionalisierung interner Abläufe. Außerdem wurde das Stiftungsteam vor Ort und die Ehrenamtlichen durch zusätzliche Honorarkräfte verstärkt. Das Jahresthema „Mut“ prägte sowohl die Bildungsarbeit als auch das Veranstaltungsprogramm. Ein herausragendes Ereignis bildete die »Podiumsdiskussion zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Neben dem Historiker und ehemaligen Kuratoriumsmitglied Friedhelm Boll sowie Teilnehmenden des Kooperationspartners, dem Friedensmuseum Brücke von Remagen, gehörte auch Sigrid Wesely dem Podium an. Die Zeitzeugin der damaligen Ereignisse engagiert sich seit der Eröffnung 2011 ehrenamtlich im Forum Unkel. Vor voll besetztem Haus diskutierten die Beteiligten die Frage, wie es nach der Katastrophe gelingen konnte, den Mut zu einem Neuanfang in Unkel zu finden.

Einen weiteren Höhepunkt der Bildungsarbeit bildete von April bis Juni das »Projekt „Doing Democracy“, das in Kooperation mit der Stefan-Andres-Realschule plus Unkel realisiert wurde. Unter der Überschrift „Mut und Migration“ setzten sich die Schülerinnen und Schüler zuerst mit Willy Brandts Exilerfahrung auseinander, um Mut persönlich zu definieren. Anschließend wurden sie ermutigt, ihre Komfortzone zu verlassen. Den Abschluss der intensiven Projektphase bildete der DemokratieSlam auf großer Bühne vor dem Unkeler Forum, bei dem Teilnehmende der 9. und 10. Klassen ihre in Workshops entwickelten Texte selbstbewusst vor Publikum präsentierten.

Projekt neue Dauerausstellung für Lübeck

Das größte Vorhaben der Stiftung ist derzeit die Entwicklung einer neuen Dauerausstellung für das Willy-Brandt-Haus Lübeck. Auch in den kommenden zwei Jahren wird dieses standortübergreifende Großprojekt erhebliche Personal- und Finanzressourcen binden. Im Jahr 2025 konnte ein zentraler Meilenstein erreicht werden: Im Rahmen eines EU-weiten Vergabeverfahrens unter Einbeziehung einer Auswahljury – bestehend aus Mitgliedern des Vorstands, des Internationalen Beirats sowie ausgewählten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – wurde die renommierte Hamburger Ausstellungsagentur Sunder-Plassmann & Werner mit der Umsetzung der Ausstellung beauftragt. Bis zur geplanten Eröffnung im Herbst 2027 ist es noch ein arbeitsreicher Weg. Parallel dazu sind 2027 gemeinsam mit der Hansestadt Lübeck nach fast 20 Jahren Instandsetzungsarbeiten im Willy-Brandt-Haus zu bewältigen.

Auf dem Podium sitzen rechts 3 Personen im Gespräch. Links sitzen Schülerinnen und Schüler bei der Preisverleihung erliner Schülerwettbewerbs zur politisch-historischen Bildung 2025
Preisverleihung des Berliner Schülerwettbewerb zur historisch-politischen Bildung am 4. Juli 2025 im Europäischen Haus.

Berliner Schülerwettbewerb zur historisch-politischen Bildung

In Kooperation mit der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer- Haus und der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung wurde anlässlich der Bundestagswahl ein besonderes Gemeinschaftsprojekt ins Leben gerufen: der »Berliner Schülerwettbewerb zur historisch-politischen Bildung. Alle Schulklassen in der Hauptstadt waren eingeladen, sich mit einem eigenen Video zum Thema „Wir machen Demokratie“ (7. bis 9. Jahrgangsstufe) oder „Wir, die Kanzler und Berlin“ (10. Bis 12. Jahrgangsstufe) zu bewerben. Die Preisverleihung im voll besetzten Saal des Europäischen Hauses am Brandenburger Tor wurde zu einem besonderen Ereignis. Auf dem Podium diskutierten Julian Janssen („Checker Julian“) und die Journalistin und Social-Media-Expertin Amelie Marie Weber aus dem Pressenter-Team der Tagesschau darüber, wie junge Menschen für Demokratie und politisches Engagement begeistert werden können, und gewährten zugleich spannende Einblicke in ihre journalistische Arbeit. Anschließend wurden die von einer unabhängigen Jury prämierten Videos auf großer Leinwand präsentiert. Den Wettbewerb „Wir machen Demokratie“ gewann der Wahlpflichtkurs Politik der Heinrich-Böll-Oberschule in Spandau. Im Zuge der Juniorwahlen an ihrer Schule hatten die Schülerinnen und Schüler ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zu den sie bewegenden Themen befragt und diese Fragen dann an Vertreterinnen und Vertreter der politischen Parteien im Bezirk herangetragen. Siegerin des Wettbewerbs „Wir, die Kanzler und Berlin“ wurde die Klasse GOQ16 des Beruflichen Gymnasiums Campus Berlin, die sich in einer Projektwoche mit dem politischen Wirken von Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl auseinandergesetzt und deren Spuren in Berlin nachverfolgt hatte. Die Siegerklassen erhielten jeweils einen Preis in Höhe von 1.000 Euro. Zwei weitere Schulklassen wurden mit Sonderpreisen von je 500 Euro ausgezeichnet.

Nach dem erfolgreichen Abschluss dieses von drei Politikergedenkstiftungen des Bundes initiierten Projekts ging im November bereits die zweite Ausgabe des Wettbewerbs an den Start – dieses Mal vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus in Berlin. Alle sieben Politikergedenkstiftungen des Bundes präsentierten sich zudem auf dem Bürgerfest zum Tag der deutschen Einheit in Saarbrücken. Der gemeinsame Stand war auf der zentralen Geschichtsmeile des Fests und bot ein abwechslungsreiches Programm, um sich mit unserer Demokratie und Geschichte auseinanderzusetzen. Außerdem waren die Stiftungen wieder mit einem gemeinsamen Informationsstand auf dem Deutschen Historikertag 2025 in Bonn zu Gast.

Neue Publikationen

Im Rahmen der stiftungseigenen Reihen gab es zwei Neuerscheinungen: Die mit dem Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte 2023 ausgezeichnete Dissertation von Pénélope L. Patry mit dem Titel »„Willy Brandt und Europa Ausformung einer politischen Idee im skandinavischen Exil“ erschien als Band 5 der Reihe „Willy Brandt – Studien und Dokumente“ im Campus-Verlag. Zudem dokumentiert Heft 37 der Schriftenreihe die Willy-Brandt-Rede Lübeck 2024 des früheren schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven zum Thema »„Mut in Krisenzeiten“.

Gremien der Stiftung

Der Internationale Beirat begleitete die Arbeit der Stiftung im Berichtsjahr in vielfältiger und konstruktiver Weise, so etwa bei der Entwicklung der Grundkonzeption für die neue Dauerausstellung in Lübeck, durch Mitwirkung in der Auswahljury für die europaweite Ausschreibung zur Lübecker Ausstellung sowie durch die Entsendung von Mitgliedern in die Jury für den Willy-Brandt-Preis für Zeitgeschichte. Derzeit berät der Beirat den Prozess zur Entwicklung differenzierter Standortprofile für Berlin, Lübeck und Unkel. Aus beruflichen Gründen legte Kirsten Heinsohn (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg) ihr Ehrenamt im Stiftungsbeirat im Frühjahr 2025 vorzeitig nieder. Ihr gilt großer Dank für sieben Jahre engagierter und fachlich herausragender Mitarbeit. Das Kuratorium berief für sie die Historikerin Claudia Gatzka (Universität Freiburg) in den 4. Internationalen Beirat nach. Sie ist unter anderem Expertin für Demokratie- und Diktaturgeschichte. Die Stiftung freut sich auf die Zusammenarbeit. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 8. Oktober das »7. Kuratorium der Stiftung für die Amtszeit von 2025 bis 2030 berufen. Bundestagspräsident a. D. Wolfgang Thierse, der dieses Amt seit nunmehr 25 Jahren ausübt und unsere Stiftung maßgeblich geprägt hat, wurde erneut zum Vorsitzenden gewählt. Als stellvertretende Mitglieder neu in das Gremium berufen wurden Sabine Fandrych, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Friedrich-Ebert-Stiftung, und Alfons Mußhoff, Bürgermeister der Stadt Unkel. Herr Mußhoff ist kraft Amtes zugleich Vorsitzender des Kuratoriums der Bürgerstiftung Unkel „Willy-Brandt-Forum“ und wird künftig eine Brückenfunktion zur Partnerstiftung in Unkel am Rhein übernehmen. Verabschiedet wurden Ursula Bitzegeio und Ruprecht Polenz, denen die Stiftung für ihren langjährigen Beitrag und ihren wertvollen Rat im Kuratorium herzlich dankt.

Kranzniederlegung in Gedenken an Willy Brandt mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner
Kranzniederlegung zum 33. Todestag von Willy Brandt mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Kai Wegner

Vor der Kuratoriumssitzung fand am Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf die traditionelle »Kranzniederlegung zum 33. Todestag von Willy Brandt statt, an der in diesem Jahr auch der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner teilnahm. Bereits wenige Tage zuvor hatte der »südkoreanische Minister für Wiedervereinigung Dongyoung Chung dort einen Kranz niedergelegt. Er hielt sich anlässlich der Feierlichkeiten zum 35. Jahrestag der Deutschen Einheit in Berlin auf. Der Besuch am Grab Willy Brandts unterstrich die hohe Wertschätzung, die der frühere Bundeskanzler in Südkorea genießt. Seine Ostpolitik, die in den 1970er Jahren entscheidend zur Entspannung zwischen Ost und West beitrug und den Weg zur deutschen Wiedervereinigung ebnete, gilt dort als bedeutende Quelle der Inspiration.

Am Ende dieses Rechenschaftsberichts möchten Vorstand und Geschäftsführung allen danken, die durch ihre Mitarbeit, ihren Einsatz oder ihren Rat zu diesem erfolgreichen Arbeitsjahr und zur weiterhin erfreulichen Entwicklung der Stiftung beigetragen haben. Hohe Anerkennung verdienen alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung in Berlin, Lübeck und Unkel. Durch ihr großes Engagement und ihre innovativen Ideen haben sie die erfolgreiche Arbeit im Jahr 2025 erst möglich gemacht. Dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, insbesondere dem Referat K41-2, gilt besonderer Dank für die enge und konstruktive Zusammenarbeit. Dieser Dank schließt alle Partner der Stiftung ein, darunter die sechs weiteren Politikergedenkstiftungen des Bundes, das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin, die Hansestadt Lübeck sowie die Bürgerstiftung Unkel.

Dem Kuratorium danken Vorstand und Geschäftsführer für das entgegengebrachte Vertrauen.

 

Prof. Dr. Ulrich Schöler
Vorsitzender des Vorstandes

Dr. Wolfram Hoppenstedt
Geschäftsführer

Cover des Jahresberichts 2025 mit dem Slogan "Willy Macht Mut"

Jahresbericht (barrierefreis PDF)

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