President John F. Kennedy and Mayor Willy Brandt of Berlin at the White House
Foto: Trikosko, Marion S./Library of Congress

Kanzler, Kumpel, Kamerastar – Das “Image” des Politikers

Forum Berlin

Die Historikerin Miriam Zlobinski und der Fotograf Maurice Weiss werfen einen Blick hinter die Kulissen der medialen Darstellung und Wirkung Willy Brandts sowie der Reportagefotografie. Da die Veranstaltung aufgrund aktueller Einschränkungen nicht stattfinden kann, erscheint ab dem 10. Juni online eine Artikelreihe zum Vortragsthema.

Kanzler, Kumpel, Kamerastar – Das “Image” des Politikers

Die meisten Deutschen begegneten Willy Brandt als populäre Persönlichkeit zu seinen Lebzeiten nicht etwa persönlich, sondern über zahlreiche Fotografien auf den Seiten der Zeitschriften und Magazine. Die publizierten Bilder riefen verschiedenste Reaktionen hervor: Sie stellten Sympathie her und schufen Nähe, wurden aber auch skandalisiert und kritisiert. Wie entsteht ein öffentliches Bild? Welche redaktionellen Techniken gestalten ein “Image”?

Heutige visuelle Ikonen subsumieren unterschiedliche Bilder einer Situation, so sprechen wir von “dem Bild” des Kniefalls, wenngleich mehrere Aufnahmen von unterschiedlichen Fotografen heute zur Visualisierung der Situation kursierten. Hinzu kommen verschiedene Beschnitte, die vorgenommen wurden und ebenfalls für Varianz sorgen.

Screenshot einer Google Bildersuche mit dem Stichwort "Kniefall". (Aufgerufen 27.05.2020)

Dreizehn Tage nach dem Ereignis in Warschau fand im Stern (Nr. 52/1970) vom 20. Dezember 1970 ebenfalls ein Bild des Kniefalls seinen Abdruck. Durch die Zeitverzögerung, die eine Illustrierte alleine dadurch aufweist, dass sie nur einmal wöchentlich erscheint, war der Stern sicherlich ein Nachzügler in der Berichterstattung. Als bereits bekanntes Bild befindet es sich nicht auf dem Cover oder auf der ersten Seite des Artikels, sondern folgt auf der dritten Doppelseite. Im Vergleich zu weiteren Bildern wurde hier eine frontale Aufnahme einer seitlichen vorgezogen. So ist nicht nur Brandts Geste, sondern auch sein Gesicht erkennbar. Auch die Bildgröße geht auf Bedeutungen ein und verleiht Bedeutung. So nehmen die Leser die kleinere Abbildung kaum wahr, während der Kniefall die Doppelseite dominiert. Die kleinere Fotografie zeigt die offizielle bilaterale Vertragsunterzeichnung über die Grundlagen der Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen vom gleichen Tag, an dem auch der Kniefall erfolgte. Der mitlaufende Text besteht aus einem Interview mit dem damaligen polnischen Ministerpräsidenten, Josef Cyrankiewicz. In Abbildungen von Henri Nannen mit Cyrankiewicz wird deutlich, dass der Stern Chefredakteur und der festangestellte Stern-Fotograf Fred Ihrt zusammen vor Ort waren.

Seitenansicht der Veröffentlichung des "Kniefalls" im Stern (Nr. 52/1970, S.24/25), alle Fotos der Berichterstattung von Fred Ihrt.

Das “Image” des Politikers Brandt wurde ebenso wie dessen politisches Anliegen über die Doppelseiten der Printmedien an die Leser gebracht. Der oft betitelte »Medienkanzler« wird in der auflagenstarken Illustrierten Stern (1970 liegt die Druckauflage bei 1,9 Millionen ohne Österreich) für die breite Bevölkerung in zahlreichen Berichten visuell verhandelt. Der Stern war dafür bekannt, politische Themen vor allem durch Reportagen und Bilderzählungen in die deutschen Haushalte zu bringen. So war der Politiker Brandt, seine Ostpolitik genauso wie der Mensch, in Reportagen und Einzelbildern sehr präsent. Beliebt waren Vergleiche mit anderen Politikern, Einblicke abseits des politischen Hauptauftrittes, sowie private Erzählungen mit der Familie und Ehefrau Rut.

Auswahl an diversen Doppelseiten, sogenannte "Aufmacher" aus der Illustrierten Stern aus den Jahren 1966, 1968, 1971-73.

Besonders Gestik und Gesicht wurden betont, wenn es um den Menschen und Politiker geht. Im Zusammenspiel mit den Überschriften werden sie (um)gedeutet sowie betont und auch für Kritik genutzt. So wurde Kurt Georg Kiesinger (Stern Nr.50/1966, 11.Dezember 1966) die Einladung zum Mitregieren durch die SPD mit der Bild-Text Kombination in den Mund gelegt. Kiesinger zeigt auf Brandt, der wiederum als Einzelperson in diesem Aufmacher die gesamte Partei vertritt, welche sich für Verhandlungen mit an den Tisch setzt. Durch die Perspektive ist Kiesinger deutlich größer als Brandt, auch ein Hinweis auf die damaligen Machtverhältnisse zwischen den Parteien. Die Kritik des Berichts bezieht sich auf die ehemaligen Kontrahenten und äußert Unverständnis über die Kooperationsabsichten. Steht visuell Brandt ganz klar für die Partei ein, wird im Text jedoch Herbert Wehner die “Verkupplung” mit der CDU/CSU zugeschrieben.

Stern Nr.50/1966, 11.Dezember 1966, Kurt Georg Kiesinger dominiert die abgebildete Situation mit seiner zeigenden, vielleicht einladenden Gestik. Er weist auf den im Hintergrund an den Tisch tretenden Willy Brandt.

Das Bildmaterial für den Kniefall und die Koalitionsverhandlungen resultierte aus offiziellen Terminen und die Begleitung des Ablaufs durch einen Fotografen. Für die Berichterstattung können Fotograf*innen aber auch andere Wege gehen. Porträttermine können vereinbart werden, um eine bewusste Situation zwischen Fotograf und Person zu schaffen. Eine weitere Möglichkeit ist die längere Begleitung, bei der möglichst “unbemerkt” die handelnde Person gezeigt werden soll. Ein bekanntes Beispiel ist die Reportage des Stern-Fotografen Robert Lebeck. Er beschrieb in seiner Autobiographie “Rückblende”, wie eine tägliche, aber zeitlich begrenzte Begleitung möglich gemacht wurde. Über den damaligen Bundeskanzler schrieb Lebeck, „Brandt war immer für eine Stern-Story gut, er galt als Popstar unter den Politikern, und sein größter Fan hieß Henri Nannen.“ Bei den Bildern handelt es sich nicht um gestellte Aufnahmen, dennoch ist den “öffentlichen Personen” die Anwesenheit der Kameras bewusst. So alltäglich oder spontan die Szenen wirken, sind sie doch in der Auswahl jeweils Verweise auf Vorbilder. Der Stern selbst titelt “Sancho Pansa” für den Ritt von Brandt auf dem Esel, der Gehstock und die Umarmung des Sohnes spiegeln eine ruhende und vertrauensvolle Führungsperson. Zugleich wird der offizielle Amtsträger für die Leser nahbar.

Stern vom 11. Januar 1973, ein Bericht über den Weihnachtsurlaub der Familie Brandt auf Fuerteventura.

Für die Illustrierten war die Erzeugung von Emotionen besonders wichtig. Politik wurde personell und über Assoziationen vermittelt und die Fotografie diente als ideales Vehikel. Daraus resultierte für den Stern eine große Anzahl an beauftragten Bildern. So begleiteten für die Illustrierte sehr renommierte Fotografennamen wie Volker Hinz, Thomas Höpker, Robert Lebeck, Stefan Moses und Max Scheler Brandt zum Teil über Jahre. Dass diese Bilder darüber hinaus wirken, zeigte eine erneute Sichtbarkeit in der Ausstellung mit den Bildern aus den ehemals fotojournalistischen Aufträgen “Willy Brandt- Eine Hommage in Bildern” (2014 im Willy-Brandt Haus).

Mit dem Entschluss, aus mehreren Bildern sich für ein spezielles Bild zu entscheiden, wurde das “passende Bild” zur Repräsentation von der Redaktion an die Leser*innen weitergegeben. Diese Auswahl war nicht den Fotografen überlassen, sie wurde von der Bildredaktion und Chefredaktion im Stern durchgeführt. Nicht immer waren das Ereignis und das gewählte Bild deckungsgleich.

Trotz Unmengen an Bildern wurden manche Motive mehrfach genutzt. Die Umarmung von Willy Brandt und seiner damaligen Frau Rut wurde in leicht unterschiedlicher Form verwendet. Das Covermotiv und die Schlagzeile “Da strahlte Willy Brandt” unterstützen sich gegenseitig in der Aussage über den Wahlsieg 1972. Das zeitgleich entstandene, aber dennoch etwas nachdenklichere Motiv findet sich zwei Jahre später als Schlussbild in der Berichterstattung über den Rücktritt. Die Geste wird erneut verwendet und referiert auf die eigene, von Redaktionsseite vorgenommene Gewichtung des Bildes. Die Stern-Leser*innen konnten sich sicherlich erinnern, vielleicht auch an ihre Gefühle zur Wahlentscheidung.

Zwei Verwertungen für ein Bild im Stern Nr.21 18.Mai 1974 und im Stern Nr. 49 vom 26. November 1972 zum Wahlsieg.

In der Wahlberichterstattung gehörte die Ehefrau zum politischen Ehemann dazu. So werden auch Mildred Scheel oder Kriemhild Barzel gezeigt und ihre vermeintlich ausgedrückten Gefühle auf den Bildern stellvertretend für die politische Situation ihrer Männer genutzt. Private Einblicke und eher ungewöhnliche Momente wurden gerade über die Beziehung und die Rolle der Ehefrau erzählt. Mehrmals wird im Stern Rut Brandt zum Thema der Berichterstattung. Die hier verwendeten Bilder unterstützen die positive Berichterstattung über den Politiker und greifen auf Alltagssituationen zurück.

Stern Nr. 42/ 1969, 12.Oktober 1969.

Die Breite der Berichterstattung und die diversen fotografischen Einblicke resultierten zum einen aus dem wöchentlichen Erscheinen der Hefte und der damit nicht aktuellen Berichterstattung. Die Teilhabe an politischen Themen wurde im Stern gerne heruntergebrochen mit Schlagzeilen wie “Was geredet, gegessen und was gekungelt wurde in Bonn” (Stern Nr. 42/ 1969). Eigene Themenansätze waren erforderlich, um den Leser*innen einen Mehrwert zu bieten. Ein großer Stab an festangestellten Fotografen erweiterte die Möglichkeiten der politischen Erzählungen und Berichte gerade im Visuellen. In der Form der Fotoreportagen und fotografischen Berichte wurden nicht nur ereignisbezogene Informationen geliefert, sondern neue Zugänge gewählt. Dabei changieren Information und Unterhaltung, Neutralität und Parteilichkeit immer mit dem Ziel, Interesse und Emotionen hervorzurufen. Die Nähe zur Person ist dabei mit Überlegungen und Abwägungen von redaktioneller Seite auf den Heftseiten entworfen worden.

Willy Brandt nutzte wiederum als politischer Akteur diese Wirkung und gewährte den Fotografen Zugang abseits der öffentlichen Termine. Die hohe Emotionalität wird ebenfalls dem Wahlkampf 1972 zugeschrieben. Dieser erzielte eine in der Geschichte einmalige Wahlbeteiligung von 91,1 Prozent. Die populäre Kultur der Illustrierten unterstützte und formte, maßgeblich über visuelle Inhalte, eine neue Popularität der Politik und das Bild eines ihrer “Popstars”, Willy Brandt. Die weitere Verwendung der Bilder zeugt davon, dass diese Vielfalt die Rezeption der politischen Person bis heute prägt.

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