President John F. Kennedy and Mayor Willy Brandt of Berlin at the White House
Foto: Trikosko, Marion S./Library of Congress

Kanzler, Kumpel, Kamerastar – Politischer Alltag

Forum Berlin

Die Historikerin Miriam Zlobinski und der Fotograf Maurice Weiss werfen einen Blick hinter die Kulissen der medialen Darstellung und Wirkung Willy Brandts sowie der Reportagefotografie. Da die Veranstaltung aufgrund aktueller Einschränkungen nicht stattfinden kann, erscheint ab dem 10. Juni online eine Artikelreihe zum Vortragsthema.

Die Politik des Kanzlers Willy Brandt wurde von der populären Illustrierten Stern maßgeblich unterstützt. In Fotografien und Artikeln wurde politischer Alltag vermittelt, wobei unterschiedliche redaktionelle Techniken zum Einsatz kamen.

Für das Titelblatt, welches Jahrzehnte nur Frauen, gerne auch spärlich bekleidet, zierten, galt Brandt gerade in seinen Kanzlerjahren ebenfalls als Verkaufsargument. Mindestens sieben Mal blickte Brandt als Fotografie den Sternleser*innen vom Titelblatt entgegen, weitere Abbildungen in Illustrationen und Zusammenstellungen mit anderen Politiker*innen nicht mit eingerechnet. Bereits als Außenminister wird Brandt nicht nur zu Auslandsreisen von Stern-Fotograf*innen und Reporter*innen begleitet, sondern auch persönlich von Chefredakteur Henri Nannen für Termine in seiner Dienstwohnung in Bonn besucht. Dorthin verschlug es Brandt 1966 mit dem Amt des Außenministers in der Großen Koalition der Regierung Kurt Georg Kiesinger. Das Außenamt stellte damals eine Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg, die Brandt im Januar 1967 bezog und auch als Bundeskanzler weiter bewohnte.

In der Dienstvilla entstanden vom Fotografen Robert Lebeck Bilder, die Nannen und Brandt bei einer Runde im anliegenden Pool zeigen. In der Bildabfolge (re.) schwimmen Nannen und Brandt, bevor sie vor der Treppe stehen bleiben und Nannen dem Außenminister den Vortritt lässt. Beide scheinen lächelnd von der Situation amüsiert zu sein.

Die Rubrik „bon(n)bons” im Stern Nr. 16/1970 und in der Stern Sonderausgabe „30 Jahre Stern”, Dezember 1978.

Lebeck beschreibt in seinem Buch „Rückblende” die marginalen Einschränkungen, die ihm während des Termins gegeben wurden: „Brandt hatte übrigens nichts gegen meine Pool-Fotos – vorausgesetzt, er sei nicht mit ganzem Körper zu sehen.” Lebeck vermutete hier, dass der SPD-Chef sich aufgrund des Skandals von 1919 nicht in Badehose ablichten ließ. Damals löste das Titelblatt der „Berliner Illustrierten Zeitung” mit Friedrich Ebert und Gustav Noske in Badehose einen großen Skandal aus. Seine Vermutung äußert er jedoch nicht gegenüber Brandt. Abgedruckt wurden später drei Bilder in der Sonderausgabe vom 25. Dezember 1978. In einem weiteren Sonderheft achtzehn Jahre später unter dem Titel „Henri Nannen 1913 – 1996” wurde erneut ein Foto aus der Pool-Situation groß abgedruckt, daneben die Aussage: „Sie mochten sich politisch und persönlich.” Die Wiederholung in den Sonderheften zeugt von einer besonderen Bedeutung für den Gründer und Chefredakteur des Sterns, Henri Nannen. Beide Hefte, in denen der Abdruck erfolgt, sind ihm zentral gewidmet. Die Verwendung der Bilder kann unterstützend für das vielfach zugeschriebene gute Verhältnis zwischen dem Politiker Brandt und dem Journalisten Henri Nannen gelesen werden.

Die Rubrik „bon(n)bons” leitete auch jedes reguläre Stern-Heft ein. Neben den Bildern stand jeweils der Verweis: „Prominenten in den Mund geschoben von Erhard Kortmann”. Kortmann war zeitgleich für die ZEIT und den Stern im Bereich Witz und Humor zuständig. In der Rubrik im Stern wurden unterschiedliche politische Persönlichkeiten in der festen Abfolge auf drei Bildern gezeigt, begleitet durch fiktive Aussagen, welche in Form von Sprechblasen auf die Bilder gelegt wurden. Ein anderes „bon(n)bon” zeigt ebenfalls Brandt, hier bereits als Bundeskanzler, zwischen Horst Ehmke und Walter Scheel. In den Mund gelegt wird Willy Brandt die Frage, „Wer hat schon wieder Ehmkes Maschinenpistole versteckt?” Ehmke war von 1969 bis 1972 Kanzleramtsminister unter Willy Brandt und erscheint in den „bon(n)bons” durch die mitgegebenen Äußerungen auf die Hilfe Brandts angewiesen. Die Kanzlerschaft, mit der auch Ehmke sein Amt erhielt, war ein Wagnis gewesen. Die Mehrheit, mit der Brandt am 21. Oktober 1969 zum Kanzler gewählt wurde, betrug nur zwei Stimmen. Der Koalitionspartner, die FDP, war gespalten in Liberale und Deutschnationale, mit Fraktionswechsler*innen war zu rechnen, auch mit Bestechungsversuchen. Das Ganze war eine „Wahnsinnstat“, wie Horst Ehmke es später formulierte. Mit Ehmke als Chef in der ersten Legislaturperiode versuchte Brandt, im Bundeskanzleramt den von ihm gegebenen Reformversprechen ein umsetzendes Instrument zu schaffen.

Stern Nr. 16 vom 12. April 1970, „Gestatten, Ehmke, Trainer der Bundesregierung”, Autor Peter Neuhauser, Fotograf Cornelius, Seite 52-60.

Im gleichen Stern Heft wurde unter der Überschrift „Gestatten, Ehmke, Trainer der Bundesregierung” der Kanzleramtschef fotografisch in den Mittelpunkt gerückt. Die Füße hochgelegt wird er in einem Bundeswehrflugzeug gezeigt. In der Bildunterschrift erfahren die Leser*innen: „Dem Juraprofessor geht es nie schnell genug.” Der Stern-Fotograf Cornelius Meffert begleitete für den Artikel den Politiker zusammen mit dem schreibenden Kollegen Peter Neuhauser zu verschiedenen Terminen. Auf der nächsten Seite ist Ehmke auf dem Fußballplatz in Aktion zu sehen, die Bildunterschrift führt an: „Jetzt stürmt er in der Regierungsmannschaft für Willy Brandt und schießt sich ganz nach oben.” So wird Brandts Kanzleramtsminister in zwei ungewöhnlichen Körperposen eingeführt, einmal fast liegend in ungünstig verschobener Jacke und Anzug und einmal als Fußballer. Assoziiert werden beide Bilder durch die Bildunterschriften mit einem gewissen Ehrgeiz. Diesen Faden nehmen die kleineren Fotografien auf der zweiten Doppelseite auf. Hier wird Brandt einmal mit Wehner an seiner Seite und einmal mit Ehmke am Tisch gezeigt. Nach den Aussagen im Stern Artikel ein Verweis, dass die Sitzordnung auch das Verhältnis zum Kanzler widerspiegeln sollte.

Auf der dritten Doppelseite bestimmen drei Fotografien den Raum: ein gestikulierender Ehmke, ein Zimmer mit mehreren Männern, die Wände sind gefüllt mit Zeichnungen und Notizen für den Bau einer neuen Regierungszentrale sowie einer Draufsicht auf das Palais Schaumburg, den damaligen Regierungssitz. Im Text und den herausgestellten Zitaten wird ein Unterschied zwischen der alten, ausgedienten Architektur und den modernen Ansätzen des Kanzleramtsministers und seiner neuorganisierten Amtsstruktur hergestellt.

Auf den letzten beiden Seiten wird diese umspielte Modernität zu Willy Brandt zurückgeführt. Die Fotografie auf der oberen Seitenhälfte zeigt Brandt bei der Besprechung mit den engsten Mitarbeiter*innen, der sogenannten „Kleinen Lage” in einem relativ kleinen Raum. Brandt sitzt am Kopfende, die Anwesenden erscheinen locker, sie lachen und diskutieren. Die Führung des ersten Bundeskanzleramtes unter Brandt bestand aus einer „Dreierspitze“, deren weitere zwei Personen hier erstmals sichtbar werden. Katharina Focke, eine dem Bundeskanzler unterstellte Parlamentarische Staatssekretärin, sitzt in der Runde und der Staatssekretär Egon Bahr als Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutschland in Berlin. Unter der Abbildung ist zu lesen: „Bei Brandt wird hart gearbeitet und viel gelacht. Es ist sicher die fröhlichste Clique, die je am Rhein regiert hat.” Im Text wird zudem erwähnt, dass die Bonner Regierungszentrale am 20. Januar 1970 erstmals den Computer für Planungsaufgaben einsetzte. Das letzte Bild im Artikel zeigt eine getippte Seite, welche zahlreiche handschriftliche Notizen und Änderungen enthält. Die Leser erfahren, dass Brandt selber diese Änderungen vornahm und daran bis spät in die Nacht saß.

Im Mittelpunkt des Artikels stand Horst Ehmke, in Fotografien und im Text galt jedoch Brandt als Referenzrahmen. Ohne auf Bahr oder Focke einzugehen, wurde anhand der beiden Akteure Brandt und Ehmke die Atmosphäre einer Erneuerung erzeugt. Die Fotografien unterstützen hierbei ein agiles Bild des Chefs des Kanzleramtes. Ehmke veränderte bei Amtsantritt das Bundeskanzleramt nach seinen und Brandts Vorstellungen. Ehmke erweiterte die bestehende Struktur des Amtes und gliederte sie hierarchisch in fünf Abteilungen. Eine Ordnung, auf die sich alle nachfolgenden Bundeskanzleramtschefs bezogen. Dabei ergänzte er durch sein entschiedenes Auftreten die Führung Brandts. Die mitschwingende Erneuerung galt nicht nur in der Führungsspitze, sie war auch für die Partei im Mitgliederzustrom der Jungen nach 1969 ablesbar. Jährlich traten 30- bis 40.000 SPD-Mitglieder neu ein, nach der Wahl von 1972 waren es 100.000. Das veränderte ihre Struktur nachhaltig, immer mehr Student*innen und Schüler*innen kamen hinzu.

Obwohl neue Technologien und Strukturen gezeigt und beschrieben wurden, schließt ein handschriftliches Dokument Brandts den Artikel ab. Eine Art Legitimation, dass der Kanzler womöglich bei all der Präsenz von Ehmke die Aufgaben noch selbst in die Hand nahm.

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