Foto: J.H.Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung

Vor 50 Jahren: Friedensnobelpreis 1971 für Willy Brandt

Die Stiftung

Am 20. Oktober 1971 gab das Nobelpreis-Komitee in Oslo bekannt, dass es Bundeskanzler Willy Brandt den Friedensnobelpreis für das Jahr 1971 zugesprochen hat. Mit dieser Auszeichnung würdigte das Komitee vor allem Brandts Bemühungen, durch eine neue Ostpolitik die Verständigung der Bundesrepublik Deutschland mit ihren östlichen Nachbarn herbeizuführen und den Frieden in Europa sicherer zu machen. Willy Brandt war der vierte Deutsche, der den Friedensnobelpreis erhielt.

Bundestagssitzung in Bonn, 20. Oktober 1971: In der Debatte über den Bundeshaushalt für das Jahr 1972 stritten die sozial-liberale Koalition und die CDU/CSU-Opposition in scharfen Tönen miteinander – wie in beinahe jeder Sitzung seit dem Amtsantritt der Regierung Brandt zwei Jahre zuvor. Doch kurz nach 17 Uhr kehrte für einen Moment Ruhe im Plenarsaal ein, als Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel (CDU) die Sitzung überraschend unterbrach und verkündete: „Ich erhalte soeben die Nachricht, dass die Nobelpreiskommission des norwegischen Parlaments heute dem Herrn Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland den Friedensnobelpreis verliehen hat.“

Beifall im Bundestag für Willy Brandt

Augenblicklich erhoben sich die Abgeordneten von SPD und FDP ebenso wie die Kabinettsmitglieder auf der Regierungsbank zu lebhaftem und anhaltendem Applaus. Wie das Protokoll weiter vermerkt, bekundeten auch Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion Beifall, die aber mehrheitlich sitzen blieb. Nach einigen Sekunden des Innehaltens stand auch Willy Brandt von seinem Platz auf, um sich – mit fast versteinerter Miene und zugleich erkennbar innerlich tief bewegt – kurz vor den Parlamentariern zu verneigen. Anschließend nahm er die Glückwünsche der Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner (SPD), Rainer Barzel (CDU/CSU) und Wolfgang Mischnick (FDP) entgegen.

Wehner gratuliert Brandt im Bundestag zum Friedensnobelpreis/ © Bundesregierung/ Engelbert Reineke

Willy Brandt: „Ich werde alles tun, mich dieser Ehrung in meiner weiteren Arbeit würdig zu erweisen.“

Bundestagspräsident von Hassel gratulierte mit folgenden Worten: „Herr Bundeskanzler, diese Auszeichnung ehrt Ihr aufrichtiges Bemühen um den Frieden in der Welt und um die Verständigung zwischen den Völkern. Der ganze Deutsche Bundestag gratuliert ohne Unterschied der politischen Standorte Ihnen zu dieser hohen Ehrung.“ In einer kurzen Dankesrede erklärte Brandt: „Dies ist eine hohe und sehr verpflichtende Auszeichnung. Ich werde alles tun, mich dieser Ehrung in meiner weiteren Arbeit würdig zu erweisen.“

Von der Zuerkennung des Friedensnobelpreises wusste Willy Brandt schon seit dem frühen Nachmittag. Um 14 Uhr hatten die Vorsitzende und der Sekretär des Nobelpreis-Komitees, Aase Lionæs und August Schou, dem Bundeskanzler ein Telegramm geschickt, in dem es hieß: „Das Nobelkomitee des norwegischen Stortings hat dir heute den Nobelfriedenspreis für 1971 zugeteilt stop Der Preisbetrag ist 450.000 schwedische Kronen stop Die Meldung wird um 17 Uhr norwegische Zeit veröffentlicht stop Brief wird folgen.“

Telegrafische Mitteilung über Verleihung Friedensnobelpreis/ © Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie, Bonn

Begründung des Nobelpreis-Komitees

In der Begründung des Nobelpreis-Komitees hieß es: „Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt. Er hat im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen.“ Als Außenminister und als Bundeskanzler habe Brandt konkrete Initiativen zur politischen und militärischen Entspannung zwischen Ost- und Westeuropa ergriffen. Dabei hob das Komitee besonders hervor, dass die Bundesrepublik unter seiner Regierung 1969 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet und 1970 mit der Sowjetunion und Polen Gewaltverzichtsabkommen geschlossen hatte. Zugleich wurde aber auch auf Willy Brandts Bemühungen verwiesen, „der Bevölkerung von West-Berlin grundlegende Menschenrechte wie persönliche Sicherheit und volle Bewegungsfreiheit zu sichern“. Auch sein Engagement und seine Initiativen für eine verstärkte Zusammenarbeit in Westeuropa im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft würdigte das Komitee als wichtigen Beitrag zum Frieden.

Nominierungen für den Friedensnobelpreis 1971

Aus den Akten des Nobelpreis-Komitees, die nach 50 Jahren teilweise zugänglich sind, geht hervor, dass 1971 insgesamt 32 Personen und 7 Institutionen für den Nobelpreis vorgeschlagen worden waren. Unter den Nominierten befanden sich auch einige Politiker, mit denen Willy Brandt zusammenarbeitete: der französische Europapolitiker Jean Monnet und zwei skandinavische Sozialdemokraten, Tage Erlander aus Schweden und Einar Gerhardsen aus Norwegen. Zu den weiteren Kandidaten zählten u. a. auch der amerikanische Publizist und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel, der polnische Kardinal Stefan Wyszyński und der Begründer der Paneuropa-Bewegung, Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi.

Die Nominierung Brandts ging auf den Weltverband der Partnerstädte („La Fédération Mondiale des Villes Jumelées“), die sozialdemokratische Fraktion im dänischen Parlament und den deutsch-amerikanischen Sozialpsychologen, Physiker und Journalisten Wolfgang Yourgrau zurück, der wie Brandt in den 1930er Jahren Mitglied der SAPD gewesen war.

Reaktionen auf Willy Brandts Ehrung

International stieß die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees auf ein sehr positives Echo. Die New York Timesschrieb am 21. Oktober 1971: „Willy Brandt ist weder ein gewöhnlicher Staatsmann noch ein gewöhnlicher Politiker. Als Jugendlicher kämpfte er mutig gegen den Nazismus und war gezwungen, im ersten Jahr von Hitlers Herrschaft aus Deutschland zu fliehen. Als politischer Führer hat er nie gezögert, seine Landsleute unverblümt an die schwere Last des Hitler-Erbes zu erinnern. (…) Brandt ist mit Phantasie, aber ohne Illusionen daran gegangen, um einen unverwechselbaren deutschen Beitrag zu einem umfassenderen Bemühen um Entspannung in Europa zu leisten. (…) Als Bürgermeister, Außenminister und Bundeskanzler hat Willy Brandt mehr als jeder andere Deutsche dazu beigetragen, das Bild eines auf Rache sinnenden und auf Neonazismus ausgerichteten Westdeutschlands zu zerstreuen. Die gestern in Oslo verkündete Auszeichnung ist eine eindrucksvolle Würdigung seines Erfolges.“

Nach Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927) und Carl von Ossietzky (1935) war Willy Brandt erst der vierte Deutsche, der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die feierliche Verleihung der Urkunde und der Goldmedaille fand am 10. Dezember 1971 in der Aula der Universität Oslo statt. Das Preisgeld betrug umgerechnet etwas mehr als 300.000 DM. Brandt stiftete es für die Renovierung der ältesten, vom Verfall bedrohten Synagoge Venedigs.

 

Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung erinnert mit einem umfassenden Jubiläumsprogramm an dieses besondere historische Datum. Das gesamte Programm finden Sie hier.

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